{"id":4591,"date":"2010-02-12T20:00:59","date_gmt":"2010-02-12T19:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.thomasgericke.de\/v4\/interactive\/blog\/?p=4591"},"modified":"2010-06-30T11:04:13","modified_gmt":"2010-06-30T10:04:13","slug":"rettet-den-apostroph","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.thomasgericke.de\/v4\/interactive\/blog\/2010\/02\/rettet-den-apostroph\/","title":{"rendered":"Rette&#8217;t de&#8217;n Apo&#8217;stro&#8217;ph!"},"content":{"rendered":"<p>Ich schliesse mich voll und ganz Volker Gringmuths Seite <a href=\"http:\/\/einklich.net\/etc\/apostroph.htm\">http:\/\/einklich.net\/etc\/apostroph.htm<\/a> an. Der Artikel \u00fcber den Apostroph ist von ihm und einfach nur herrlich&#8230;<\/p>\n<div class=\"abschnitt\">\n<h1>Vorwort<\/h1>\n<p>Diese Seite soll zum Nachdenken anregen. Der in letzter Zeit zunehmend reichlich und oftmals auch falsch eingesetzte, also missbrauchte Apostroph schreit nach Rettung.<\/p>\n<p>Mein Ohr vernahm seine Stimme, wie andere Ohren auch, und ich ergreife mutig das Wort zur Verteidigung eines kleinen und wehrlosen Satzzeichens.<\/p>\n<p>Hier erf\u00e4hrt man einiges \u00fcber den Apostroph an sich, seinen Charakter und seine nat\u00fcrlichen Lebensr\u00e4ume. Jeder ist aufgerufen, die zunehmende Verwilderung des Apostrophs eind\u00e4mmen zu helfen\u00a0\u2013 dem Artenschutz zuliebe.<\/p>\n<p><!--more--><span style=\"font-size: 31px; color: #000000; line-height: 46px;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Wissenswertes \u00fcber Apostrophe<\/span><\/span><\/p>\n<h2>Die Arten des Apostrophs<\/h2>\n<p>Die Gattung der Apostrophe <em>(apostrophus)<\/em> geh\u00f6rt zur Familie der Auslassungszeichen <em>(substituenteae)<\/em> und besteht im Wesentlichen aus zwei Arten:<\/p>\n<ol type=\"1\">\n<li>Den <strong>Echten<\/strong> oder <strong>Geraden Apostroph <em>(apostrophus apostrophus)<\/em><\/strong> findet man auf deutschen Tastaturen zwischen dem \u00c4 und der Return-Taste, und er sieht in der Schreibmaschinenform so aus:\n<p class=\"beispielgross\"><code>\u00e4u\u00df're Freud'<\/code><\/p>\n<\/li>\n<li>Der gelernte Schriftsetzer liebt diese wilde Form des Apostrophs nicht und hat aus dem Geraden Apostroph den <strong>Typographischen Apostroph <em>(apostrophus typographicus)<\/em><\/strong> gez\u00fcchtet, den man an der leicht eingerollten Haltung oder der leichten Schr\u00e4glage erkennt (je nach Schriftart). Der Typographische Apostroph sieht einem zu hoch gesetzten Komma nicht un\u00e4hnlich:\n<p class=\"beispielgross\"><code>\u00e4u\u00df\u2019re Freud\u2019<\/code><\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Viele Textverarbeitungssysteme k\u00f6nnen den Geraden Apostroph schon bei der Eingabe gentechnisch in den Typographischen umwandeln. Wer kein solches System hat, erreicht den Typographischen Apostroph auf Windows-Systemen, indem er die <kbd>ALT<\/kbd>-Taste gedr\u00fcckt h\u00e4lt und auf dem Ziffernblock <kbd>0146<\/kbd> tippt.<\/p>\n<h2>Die Sexualit\u00e4t des Apostrophs<\/h2>\n<p>Nicht jedem ist bekannt, dass der Apostroph ausschlie\u00dflich als Maskulinum existiert. <em>Das Apostroph<\/em> gibt es nicht, und <em>die Apostrophen<\/em> auch nicht:<\/p>\n<table class=\"text\" border=\"0\" summary=\"Deklination des Apostrophs\">\n<tbody>\n<tr>\n<th><\/th>\n<th>Singular<\/th>\n<th>Plural<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Nominativ<\/td>\n<td>Der Apostroph<\/td>\n<td>Die Apostrophe<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Genitiv<\/td>\n<td>Des Apostrophs<\/td>\n<td>Der Apostrophe<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Dativ<\/td>\n<td>Dem Apostroph<\/td>\n<td>Den Apostrophen<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Akkusativ<\/td>\n<td>Den Apostroph<\/td>\n<td>Die Apostrophe<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Vokativ<\/td>\n<td>Du Apostroph!<\/td>\n<td>Ihr Apostrophe!<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Wie sich Apostrophe vermehren\u00a0\u2013 dass sie das tun, steht au\u00dfer Zweifel\u00a0\u2013, ist auf diesem Hintergrund ein noch nicht ganz gel\u00f6stes R\u00e4tsel. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um eine virenartige Vermehrung \u00fcber Wirtspersonen. Dabei ist der Apostroph in der Regel gar nicht auf exzessive Vermehrung aus, sondern die Wirtsperson selbst forciert sie offenbar.<\/p>\n<p>Immerhin ist diese Hypothese eine schl\u00fcssige Erkl\u00e4rung f\u00fcr die erschreckend hohe Zahl an Mutationen.<\/p>\n<p>Allen Angeh\u00f6rigen der Gattung <em>apostrophus<\/em> ist jedoch gemeinsam, dass sie relativ aufrecht im Wort stehen und wenig Platz verbrauchen. Das ist auch schon das wichtigste Unterscheidungsmerkmal gegen die h\u00e4ufigen Verwechslungen mit anderen Arten.<\/p>\n<h2>Verwechslungsm\u00f6glichkeiten<\/h2>\n<p>Am h\u00e4ufigsten werden die Apostrophe mit Akzenten der Familie der <em>francophonaceae<\/em> verwechselt:<\/p>\n<p class=\"beispielgross\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>inn\u00b4re Klag\u00b4<\/code><\/p>\n<p>Genau das \u00fcberkommt mich n\u00e4mlich dabei. Das, was du oben siehst, ist ein Akut <em>(accentus acutus)<\/em> auf einem Leerzeichen. <strong>Das hat mit einem Apostroph ebenso wenig zu tun<\/strong> wie der einsame Gravis (<em>accentus gravis<\/em>), der auch oft einen Apostroph vertreten muss, obwohl das nun schon richtig scheu\u00dflich aussieht:<\/p>\n<p class=\"beispielgross\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>inn`re Klag`<\/code><\/p>\n<p>Das ist reine <strong>Akzentqu\u00e4lerei!<\/strong> Alle Angeh\u00f6rigen der Gattung <em>accentus<\/em>, \u00fcberhaupt alle <em>francophonaceae<\/em>, sind n\u00e4mlich sehr gesellige Satzgenossen und <strong>sitzen immer an einem anderen Zeichen (\u00e9, \u00e8, \u00e0).<\/strong> Allein f\u00fchlen sie sich ebenso unwohl wie Sauerstoffatome. Wenn man sie dennoch in Einsamkeit h\u00e4lt, schlagen sie vor Verzweiflung um sich und rei\u00dfen mit dem so entstehenden viel zu breiten Zwischenraum das ganze Wort auseinander.<\/p>\n<p>Dabei kann man die <em>accentus<\/em>-Arten sehr leicht daran erkennen, dass sie immer eine erhebliche Schieflage aufweisen und gro\u00dfe Zwischenr\u00e4ume erzeugen\u00a0\u2013 \u00e4hnlich, wie man die Knollenbl\u00e4tterpilze <em>(amanita sp.)<\/em> anhand ihrer wei\u00dfen Lamellen von den Champignons <em>(agaricus sp.)<\/em> unterscheiden und auf diese Weise dumme \u00dcberraschungen vermeiden kann.<\/p>\n<h2>\u00c4hnlich hei\u00dft nicht gleichartig<\/h2>\n<p>Ich h\u00f6re schon den n\u00e4chsten Einwand: \u201eAber das sieht doch ganz \u00e4hnlich aus, wer wird denn so kleinlich sein!\u201c Darauf drei Antworten:<\/p>\n<ol type=\"1\">\n<li>Wie war das mit den Knollenbl\u00e4tterpilzen?<\/li>\n<li>Es ist Zeichenqu\u00e4lerei, einem Akzent den Lebensraum eines Apostrophs zuzumuten, da beide Gattungen sehr fein auf ihr jeweiliges Umfeld abgestimmt sind und sich in dem anderen niemals wohlf\u00fchlen werden.<\/li>\n<li>Denk mal zur\u00fcck an die japanischen Bedienungsanleitungen der 80er Jahre, deren Autoren der Meinung waren, dass ein gro\u00dfes B oder ein kleines griechisches Beta auch ganz \u00e4hnlich aussehen wie ein deutsches \u00df (das sie nicht hatten) und ungef\u00e4hr so etwas texteten (frei erfunden):\n<p class=\"beispiel\"><code>daB die heiBe SoBe in das NuBfaB flieBt<br \/>\nda<em>\u00df<\/em> die hei<em>\u00df<\/em>e So<em>\u00df<\/em>e in das Nu<em>\u00df<\/em>fa<em>\u00df<\/em> flie<em>\u00df<\/em>t<\/code><\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ich nehme an, das tut jedem deutschen Auge weh. Ebenso weh tut es mir aber, zusehen zu m\u00fcssen, wie ein wehrloser Akzent als Apostroph-Ersatz herhalten muss, obwohl gen\u00fcgend Apostrophe greifbar w\u00e4ren. Daher mein erster Appell an meine Zeitgenossen:<\/p>\n<p class=\"appell\">Bitte verwendet den richtigen Apostroph, kein Leerzeichen mit Akzent!<\/p>\n<p>Kommen wir dann zum n\u00e4chsten Punkt: Apostroph ja, aber bitte artgerecht \u00a0\u2013 also nur dort, wo er hingeh\u00f6rt.<\/p>\n<div class=\"abschnitt\">\n<h1><span style=\"text-decoration: underline;\">Die artgerechte Haltung des Apostrophs:<\/span><br \/>\nAuslassungen<\/h1>\n<p>Der Apostroph geh\u00f6rt, wie schon gesagt, zur Familie der Auslassungszeichen. Er h\u00e4lt sich daher gern dort auf, wo ein oder mehrere Zeichen wegfallen; vor allem in der Lyrik passiert das schnell:<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>n\u00f6t\u2019ge<br \/>\new\u2019ge<br \/>\nhuld\u2019gen<br \/>\nhing\u2019rotzt<\/code><\/p>\n<p>(igitt). Gern springt er auch anstelle zu langer Buchstabenschlangen ein, was erstaunlich oft im Zusammenhang mit Fu\u00dfball zu beobachten ist:<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>K\u2019lautern<br \/>\nM\u2019gladbach<\/code><\/p>\n<p>Das gilt auch f\u00fcr Auslassungen am Anfang oder am Ende, wo mitunter ganze Apostroph-Familien ihr trautes Heim aufschlagen k\u00f6nnen:<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>\u2019s ist mir \u2019ne Ehr\u2019, die Treu\u2019 zu halten<\/code><\/p>\n<div class=\"abschnitt\">\n<h1><span style=\"text-decoration: underline;\">Die m\u00f6gliche Haltung des Apostrophs:<\/span><br \/>\nangeh\u00e4ngte Artikel oder Pronomina<\/h1>\n<p>Es kommt im Deutschen sehr h\u00e4ufig vor, dass an eine Pr\u00e4position einer der Artikel <em>das<\/em> oder <em>dem<\/em> einfach fugenlos angeh\u00e4ngt wird: aus \u201ein das\u201c wird \u201eins\u201c, aus \u201eunter dem\u201c wird \u201eunterm\u201c.<\/p>\n<p>In diesen F\u00e4llen steht <strong>kein<\/strong> Apostroph. Zwar wird etwas ausgelassen, aber die Beziehung zwischen den Wortresten ist schon so eng, dass sie keinen Apostroph mehr zwischen sich dulden:<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>ins Klo<br \/>\nans Fenster<br \/>\nzum Licht<br \/>\nunterm Bett<\/code><\/p>\n<p>Wenn das Pronomen \u201ees\u201c an ein Wort angeh\u00e4ngt wird, ist in vielen F\u00e4llen (au\u00dfer <em>ins<\/em> oder <em>ans<\/em>, wie oben gesagt) ein Apostroph \u00fcblich und sinnvoll, muss aber nicht gesetzt werden:<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>sich\u2019s (sichs) gem\u00fctlich machen<br \/>\nich sag\u2019s (sags) dir<\/code><\/p>\n<div class=\"abschnitt\">\n<h1><span style=\"text-decoration: underline;\">Apostrophenqu\u00e4lerei 1:<\/span><br \/>\nDer Genitiv-Apostroph<\/h1>\n<p>Das scheint aus dem Englischen her\u00fcbergeschwappt zu sein. Dort wird die Endung -s mit Apostroph abgetrennt, wenn sie den Genitiv bezeichnet:<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>My sister\u2019s room is in my father\u2019s house<\/code><\/p>\n<p>Im Deutschen ist das nicht so. <strong>Gabis Zimmer in Peters Haus hat keinen Apostroph,<\/strong> auch wenn mittlerweile viele Leute einen setzen\u00a0\u2013 warum, wei\u00df ich nicht. Es sieht in deren Augen wahrscheinlich sch\u00f6ner aus. Ich scheine andere Augen zu haben.<\/p>\n<p>Nur in einem Fall steht beim Genitiv-s im Deutschen ausnahmsweise ein Apostroph, und zwar dann, wenn der Name auch ohne Genitiv auf -s, -x, -sch oder -z endet, also auf einen Zischlaut. Der Apostroph trennt aber auch dann nicht das -s ab, sondern steht <em>hinter<\/em> dem -s und zeigt an, dass eigentlich noch ein Genitiv-s folgen m\u00fcsste, das aber nicht gesetzt wird:<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>Klaus\u2019 Referat \u00fcber Marx\u2019 \u201eKapital\u201c<\/code><\/p>\n<p>Einzige Ausnahme: Wenn auf Grund des angeh\u00e4ngten -s Missverst\u00e4ndnisse m\u00f6glich w\u00e4ren, ist ausnahmsweise ein Apostroph erlaubt:<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>Andrea\u2019s Vorschlag<\/code><\/p>\n<p>&#8230; obwohl auch dieser Fall einklich eindeutig w\u00e4re: Kommt der Vorschlag von Andrea, ist es <em><code>Andreas Vorschlag<\/code><\/em>, kommt er von Andreas, ist es <em><code>Andreas\u2019 Vorschlag<\/code><\/em>. Es ist nur ein Zugest\u00e4ndnis an apostrophenunsichere Schreiber. Grunds\u00e4tzlich gilt:<\/p>\n<p class=\"appell\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Deutsche Genitive mit -s haben keinen Apostroph.<\/strong><\/span><\/p>\n<div class=\"abschnitt\">\n<h1><span style=\"text-decoration: underline;\">Apostrophenqu\u00e4lerei 2:<\/span><br \/>\nDer Plural-Apostroph<\/h1>\n<p>Angeregt von den interessanten Wortbildern, die der Genitivapostroph bildet, fing man an, auch das Plural-s bei englischen Begriffen mit einem Apostroph abzutrennen.<\/p>\n<p><strong>Und das ist nun wirklich v\u00f6llig falsch,<\/strong> weil das Plural-s im Englischen <em>immer<\/em> ohne Apostroph angeh\u00e4ngt wird, eben um es vom Genitiv-s zu unterscheiden.<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>CD\u2019s mit Song\u2019s und Hit\u2019s<\/code><\/p>\n<p>Ein Engl\u00e4nder wird sich dabei an den Kopf fassen, ein Deutscher, der des Englischen m\u00e4chtig ist, auch, aber f\u00fcr die breite Masse sieht das international aus und ist damit schon mal <em>cool.<\/em><\/p>\n<p>Noch schlimmer wird es, wenn man das auch auf deutsche W\u00f6rter ansetzt:<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>Oma\u2019s trinken gerne milde Tee\u2019s oder Kaffee\u2019s<\/code><\/p>\n<p>Wenn ich so etwas lese, bekomme ich bei jedem Apostroph einen Schluckauf. Und spucke dabei einen weiteren Apostroph aus. Bitte schont meine Lungen. Zwei Omas sind zwei Omas.<\/p>\n<p class=\"appell\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Ein Apostroph bei einem Plural-s ist schlicht falsch.<\/strong><\/span><\/p>\n<div class=\"abschnitt\">\n<h1><span style=\"text-decoration: underline;\">Apostrophenqu\u00e4lerei 3:<\/span><br \/>\nDer Imperativ-Apostroph<\/h1>\n<p>Die deutschen Verben teilt man, vielleicht erinnerst du dich, in stark konjugierte und schwach konjugierte ein.<\/p>\n<ul>\n<li>Schwach konjugiert sind die, die ihre Vergangenheit durch ein angeh\u00e4ngtes -te bilden: aus <em>ich kaufe<\/em> wird <em>ich kaufte<\/em>.<\/li>\n<li>Stark konjugierte Verben \u00e4ndern ihren Stamm: aus <em>ich schlage<\/em> wird <em>ich schlug<\/em>.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das betrifft auf Umwegen auch den Apostroph. Nun ist es n\u00e4mlich so, dass der Imperativ, also die Befehlsform, bei schwach konjugierten Verben einfach so gebildet wird, dass die Infinitiv-Endung -en wegf\u00e4llt: aus <em>rennen<\/em> wird <em>renn!<\/em>. (Man kann auch <em>renne!<\/em> sagen, muss aber nicht.)<\/p>\n<p>Viele Leute scheinen nun das Gef\u00fchl zu haben, dass da hinten etwas fehlt, und quartieren daher am Ende des Imperativs einen Apostroph ein:<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>Lauf\u2019 mal runter und hol\u2019 das Buch.<\/code><\/p>\n<p>Das ist leider auch nicht artgerecht. Der Imperativ ist vollst\u00e4ndig, da fehlt nichts, und daher ist auch ein Apostroph hier fehl am Platz\u00a0\u2013 es muss hei\u00dfen:<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>Lauf mal runter und hol das Buch.<\/code><\/p>\n<p>Allerdings ist diese Konstruktion zugegebenerma\u00dfen sehr leicht verwechselbar mit dieser:<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>Lauf\u2019 Er mal runter und hol\u2019 Er das Buch.<\/code><\/p>\n<p>In diesem Fall ist der Apostroph richtig! \u201eLauf\u201c und \u201ehol\u201c sind jetzt keine Imperative mehr, sondern Konjunktive <em>(\u201eer m\u00f6ge herunterlaufen\u201c)<\/em>, die eigentlich \u201elaufe\u201c und \u201e hole\u201c hei\u00dfen m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Wenn du es dir nicht zutraust, die (altert\u00fcmliche) Konjunktivform vom Imperativ zu unterscheiden, dann lass (Imperativ, also nicht <em>lass\u2019<\/em>) den Apostroph im Zweifelsfall weg.<\/p>\n<p class=\"appell\"><strong><span style=\"text-decoration: underline;\">Imperative haben im Deutschen keinen Apostroph.<\/span><\/strong><\/p>\n<p>(Ich k\u00f6nnte hier eine Rettet-den-starken-Imperativ-Seite einf\u00fcgen, aber ich lasse es erst einmal. Viele Leute bilden n\u00e4mlich mittlerweile <em>alle<\/em> Imperative nach der schwachen Regel, was bei starken Verben grausam klingt: es hei\u00dft nicht \u201eLes(e) das Buch\u201c, sondern \u201eLies das Buch\u201c. Aber das ist nur ein Unterph\u00e4nomen.)<\/p>\n<div class=\"abschnitt\">\n<h1><span style=\"text-decoration: underline;\">Apostrophenqu\u00e4lerei 4:<\/span><br \/>\nDer willk\u00fcrliche Apostroph<\/h1>\n<p>Mittlerweile kann die Freunde der Abhackung des s nichts mehr bremsen. Es soll schon Leute geben, die es keinem s mehr gestatten, sich ohne z\u00fcchtigen Sicherheitsabstand\u00a0&#8230;<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>...an da\u2019s Ende eine\u2019s Worte\u2019s zu begeben.<\/code><\/p>\n<p>Fl\u00fcssig lesen kann man das nicht mehr. Auch an sich harmlose Adverbien und Pronomina werden mit dem Apostroph bis zur Unkenntlichkeit zers\u00e4gt:<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>nicht\u2019s<br \/>\ndamal\u2019s<br \/>\nfreitag\u2019s<br \/>\nmorgen\u2019s<br \/>\nunte\u2019rweg\u2019s<br \/>\nalle\u2019rding\u2019s<\/code><\/p>\n<p>&#8230; und selbst das ist noch steigerbar. Folgende Exemplare von Apostrophenvergewaltigung wurden ernsthaft schon in freier Wildbahn gesichtet:<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>Weihnacht\u2019szeit<br \/>\nMartin\u2019sgans<br \/>\nAdvent\u2019skran\u2019z<br \/>\nFutter\u2019n wie bei Mutter\u2019n<br \/>\nBauer\u2019nhof<br \/>\nBrahm\u2019s Caf\u00e9<\/code><\/p>\n<p>(letzteres steht zu Ehren von <em>Johannes Brahms<\/em> in Hamburg und wurde vom SPIEGEL mit \u201eProst, Brahm!\u201c kommentiert). Den vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt allerdings bildet der<\/p>\n<p class=\"beispiel\" style=\"padding-left: 30px;\"><code>D\u00fcsseldorfer Kios`k<\/code><\/p>\n<p>(ja, den <a href=\"http:\/\/galerie.e-something.de\/737.jpg\" target=\"_blank\">gibt&#8217;s wirklich<\/a>!) O Herr, lass Hirn vom Himmel fallen!<\/p>\n<p>Der Apostroph hat das nicht verdient. Er will W\u00f6rter k\u00fcrzer machen, nicht l\u00e4nger, und auch das nicht mit Gewalt, sondern behutsam und leicht lesbar.<\/p>\n<p class=\"appell\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Bitte seid nett zum Apostroph und lasst ihn nicht mehr ackern als er muss.<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Wenn sich die Apostrophe durch k\u00fcnstliche Z\u00fcchtung und anschlie\u00dfende Verwilderung weiterhin so stark vermehren wie in den letzten Jahren, k\u00f6nnte zudem das sprachliche \u00d6kosystem empfindlich gest\u00f6rt werden, da der Apostroph keine nennenswerten nat\u00fcrlichen Feinde hat!<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier erf\u00e4hrt man einiges \u00fcber den Apostroph an sich, seinen Charakter und seine nat\u00fcrlichen Lebensr\u00e4ume. Jeder ist aufgerufen, die zunehmende Verwilderung des Apostrophs eind\u00e4mmen zu helfen \u2013 dem Artenschutz zuliebe.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[531,521],"class_list":["post-4591","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-daily-life","tag-deutsch","tag-sprache"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.thomasgericke.de\/v4\/interactive\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4591","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.thomasgericke.de\/v4\/interactive\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.thomasgericke.de\/v4\/interactive\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thomasgericke.de\/v4\/interactive\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thomasgericke.de\/v4\/interactive\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4591"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.thomasgericke.de\/v4\/interactive\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4591\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5282,"href":"https:\/\/www.thomasgericke.de\/v4\/interactive\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4591\/revisions\/5282"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.thomasgericke.de\/v4\/interactive\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4591"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thomasgericke.de\/v4\/interactive\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4591"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.thomasgericke.de\/v4\/interactive\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4591"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}